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Kindliche Warum-Fragen

Kinder kommen mit ungefähr drei Jahren in eine so genannte „Aha“-Phase, in der sie Warum-Fragen zu fast allem stellen. Ein genauerer Blick auf die Warum-Fragen von Kindern zeigt, dass viele von ihnen recht differenzierte Antworten erfordern, z.B. „Warum läuft die Tinte nicht aus, wenn man einen Füller hochhält?“, oder „Warum werden Schweine gemolken?“. Entgegen der landläufigen Meinung fragen jüngere Kinder nicht nur um der Frage willen oder um Aufmerksamkeit zu erregen ständig nach dem „Warum“. Vielmehr suchen sie nach kausalen Erklärungen und bevorzugen sie gegenüber zirkulären oder anderen nicht-erklärenden Antworten.

Tatsächlich haben wir durch logisch-semantische Analyse gezeigt, dass die Warum-Fragen von Kindern eine bestimmte Bedeutung haben, die sich von der gewöhnlichen Bedeutung der Warum-Fragen im Alltag von Erwachsenen unterscheidet, aber der Bedeutung der wissenschaftlichen Warum-Fragen sehr ähnlich ist. Dementsprechend sind die erklärenden Antworten auf diese anspruchsvolle Art von Warum-Frage universell gültig, sie sind „gesetzmäßig“ und die gesamte Frage- und Antwortfolge folgt einer deduktiven Struktur. Dies steht im Gegensatz zu gewöhnlichen Warum-Fragen, bei denen die erklärende Antwort nur lokal relevant ist und nur einzelne kausale Bedingungen zitiert. Darüber hinaus stellt sich heraus, dass die propositionale Struktur dieser übergeordneten Warum-Fragen einem bestimmten epistemischen Zustand entspricht, der als epistemische Neugier, als „Zustand des Wunders“ oder als „kognitive Dissonanz“ beschrieben werden kann. Eine Analyse dieses epistemischen Zustands zeigt, dass er den Eigenschaften vieler unserer wissenschaftlichen Theorien und Modelle entspricht.

Dies deutet darauf hin, dass unser wissenschaftliches Weltbild, unser Begriff der Kausalität sowie unsere alltägliche intuitive Logik auf diesem epistemischen Zustand und dem gemeinsamen Bestreben beruhen, die epistemische Neugierde sinnvoll anzugehen. So scheint das Verstehen des Aktes, Warum-Fragen auf höherer Ebene zu stellen, für unser Verstehen der menschlichen Kognition viel wichtiger zu sein, als bisher angenommen. Diese Überlegungen haben auch Auswirkungen auf unsere pädagogische Praxis: Im Rahmen des „gemeinsamen Denkens“ scheinen die spontanen Fragen oder „spontanen Verwunderungen“ von Kindern ausgezeichnete Gelegenheiten zu bieten, in einen sinnvollen Dialog mit Kindern einzutreten und so ihre Argumentationsfähigkeit zu fördern.

M.A. Alexander Scheidt
Doktorand
Prof. Dr. Kristina Musholt
Forschungsgruppenleiterin