Startseite

Traue ich dir oder nicht?

01. April 2020

LFE-Studie beleuchtet Misstrauen und Täuschung bei Kindern der Hai||om

„Nein, ich habe nicht genascht…“, „Ich war das nicht…“ – mit ungefähr drei Jahren beginnen Kinder kleine Lügen zu erzählen, die mit zunehmenden Alter immer ausgefeilter werden. „Wir wissen mittlerweile, dass Kinder aus städtischen Milieus in Europa und den Vereinigten Staaten bereits mit 4-5 Jahren, wenn nicht gar früher, das Lügen beherrschen“ erklärt Roman Stengelin vom Leipziger Forschungszentrum für frühkindliche Entwicklung. In diesem Alter bemerken Kinder außerdem, dass die Informationen, die sie von anderen Personen bekommen, von dem jeweiligen Kontext abhängen. Heißt: Kinder lernen zu unterscheiden, wann sie wem vertrauen können. Beispielsweise würde ein Kind einer Person mehr vertrauen, wenn diese ähnliche Ziele wie das Kind verfolgt. Es lässt sich also festhalten, dass Kinder zum einen erkennen, dass sie nicht jedem gleichermaßen vertrauen können und gleichzeitig eigene Täuschungsstrategien entwickeln. Wie diese beiden Phänomene zusammenhängen, wurde bisher kaum erforscht, wie Roman Stengelin beschreibt. Die bisherigen Studien hätten zumeist Lügen und Misstrauen separat voneinander erfasst. Außerdem hätten die Kinder dort zumeist mit fremden Erwachsenen oder mit Handpuppen interagiert. „Im Alltag spielen aber Kinder zumeist mit Gleichaltrigen und Bekannten. Hier kann eine Lüge negative Konsequenzen haben, die weit über die Studie hinaus gehen.“ Außerdem gäbe es bisher sehr wenig Studien, die traditionelle, dörfliche Gesellschaften außerhalb westlicher Industrienationen untersuchen. Diese Kontexte seien laut Stengelin jedoch sehr interessant: „Man kennt sich, ist nicht anonym. Man teilt vielleicht ohnehin den Besitz, anstatt Ressourcen ausschließlich für sich selbst anzuhäufen.“ Um diese Forschungslücke zu schließen, wurde eine Studie mit Kindern der Hai||om durchgeführt. Die Hai||om sind eine indigene Volksgruppe und leben in Namibia. Traditionell lebten sie bis vor wenigen Jahrzenten als Jäger und Sammler, eine Lebensweise, die bis heute eine große Relevanz für die Hai||om inne hat.

Für die Studie wurden 64 Kinder zwischen vier und acht wurden in Paare eingeteilt, in welchen sie entweder gemeinsam (kooperativ) oder gegeneinander (kompetitiv) spielten. Während des Spiels nahmen die Kinder zwei Rollen ein: Einem Spieler (Sender) wurde ein geheimer Ort gezeigt, an dem Süßigkeiten versteckt waren. Er durfte seinem Mitspieler einen Hinweis geben, wo er nach der Belohnung suchen sollte. Daraufhin entschied der Mitspieler (Empfänger), ob er diesen Rat annahm oder lieber woanders suchte. „Man konnte förmlich sehen, wie die Kinder auf ihre Mitspieler reagierten und sich in sie hineinversetzten“, beschreibt Roman Stengelin. „Sie überlegten: ‚Glaubst du mir oder glaubst du mir nicht? Willst du mich veräppeln oder sagst du die Wahrheit?‘ Das war sowohl für mich als auch für meinen Kollegen sehr spannend und aufschlussreich!“  Danach wurden die Rollen gewechselt, ohne dass die Kinder erfuhren, ob ihre bisherige Strategie erfolgreich war.  

Aufgrund von Beobachtungen, die bisher bei westlichen Kulturen getroffen wurden, gingen die Forschenden davon aus, dass die Kinder bei kompetitiven Spielen ihren Mitspielern weniger vertrauten und verstärkt Täuschungen einsetzten. Die Ergebnisse stützten diese Annahme nur teilweise: „Wir konnten zeigen, dass sogar die jüngsten Kinder ihren Mitspielern dann misstrauten, wenn diese im Spiel gegensätzliche Interessen verfolgten.“  Die Kinder gingen also davon aus, dass ihre Partner sie belogen, um einen Vorteil daraus zu ziehen. „Außerdem fanden wir, dass die Kinder, die selbst lügen auch eher anderen misstrauen – wer lügt, erwartet dies auch eher von anderen.“ berichtet Stengelin. Verfolgten beide Spieler das gleiche Ziel, vertrauten sich die Kinder fast immer.  Es gab jedoch einen wichtigen Unterschied zu den bisherigen Ergebnissen: Während Kinder in westlichen Kulturen oft Täuschung einsetzten, wurde dies bei den Hai||om insgesamt eher selten beobachtet.

Die unterschiedlichen Ergebnissen könnten verschiedene Ursachen haben. Zum einen wurde erstmals die Interaktion von Kindern untereinander untersucht. Außerdem war diese Studie die erste, die das Misstrauen und die Täuschung von Kindern in einer ländlichen, nicht-westlichen Bevölkerung untersucht hat. Es könnte beispielsweise sein, dass eine Täuschung eines vertrauten, gleichaltrigen Mitspielers gegen soziale Konventionen verstößt. Solche Konventionen könnten gerade in dörflichen Gemeinschaften wichtiger sein. Roman Stengelin sieht jedoch noch einen weiteren Ansatzpunkt: „Vielleicht haben die Kinder auch geahnt, dass ihr Partner ihnen ohnehin misstrauen würde, und ihn deshalb sozusagen doppelt getäuscht. Solche Gedanken sind für Kinder in diesem Alter sehr anspruchsvoll – wir brauchen neue Studien, um diese Möglichkeiten abzuwägen.“

Bild: Leonore Blume

Madlen Bartholmeß
Telefon +49 (0) 341 97 31 870