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Effekte des Verstärkungslernen auf die Blickverfolgung von Blick- und Kopfrichtung im frühen Säuglingsalter: Eine interaktive Eye-Tracking-Studie

01. März 2021

Eine Studie von Christine Michel, Ezgi Kayhan, Sabina Pauen und Stefanie Höhl

Als Baby entdeckt man die Welt mit allen Sinnen jeden Tag neu. Wie schaffen es Babys, sich dabei sich in einer Welt voller Gerüche, Geräusche und neuer Eindrücke zurecht zu finden? Sie orientieren sich ganz oft an ihren Mitmenschen und konzentrieren sich auf die Dinge in ihrer Umwelt, die auch für andere Menschen wichtig sind. Dabei nutzen sie oft die Blickrichtung einer anderen Person und schauen sich die Dinge an, die von anderen Menschen gerade angeschaut werden.

Dieses Verhalten wird in der Forschung „Blickfolgeverhalten“ genannt.
Dieses Blickfolgeverhalten haben wir uns in der aktuellen Studie, die im Januar 2021 in der Zeitschrift „Child Development“ veröffentlich wurde, genauer angeschaut:
Folgen schon vier Monate alte Babys dem Blick anderer Personen?
Folgen Sie dabei den Augenbewegungen oder der Kopfdrehung dieser Person? Und können wir dieses Verhalten verstärken, wenn Babys für ihr Blickfolgeverhalten belohnt werden?

In mehreren Studien haben wir 99 Babys auf einem Bildschirm gezeigt, wie eine Frau zur Seite blickt. Sie schaut dabei eine Comic-Maus an und wendet ihren Blick von einer anderen Comic-Maus ab.
Dabei haben wir gemessen, ob die Babys länger die von der Frau angeschaute Comic-Maus betrachten. Um mehr darüber zu erfahren, wo die Kleinen hinschauten, nutzen wir eine computerbasierte Blickbewegungsmessung (Eyetracking).

Wir haben herausgefunden, dass Babys schon im Alter von 4 Monaten der Kopf- und Blickrichtung der Frau folgen und auch länger die angeschaute Maus anblicken; allerdings nur dann, wenn die Frau auch ihren Kopf in diese Richtung bewegt. Bewegt sie nur ihre (kleinen) Augen und hält den (großen) Kopf weiter nach vorne auf das Kind gerichtet, schauten die Babys gleich lang auf beide Mäuse.
Die recht große Bewegung des Kopfes scheint also hilfreich für Blickfolgeverhalten bei vier Monate alten Kindern zu sein.

Und welche Rolle spielt Belohnung dabei? In einer zweiten Phase der Studie haben wir die Kinder dafür belohnt, wenn sie der Blickrichtung der Frau folgten. Schauten sie auf die von der Frau angeschaute Comic-Maus, begann diese zu wackeln.
Dass die Kinder das spannend fanden, konnten wir an ihren Pupillen ablesen: diese waren größer, wenn sich die Maus bewegte als wenn sie stillstand, was in diesem Falle auf positive Aufregung und Interesse hindeutet.
Die Kinder verstärkten ihr Verhalten jedoch danach nicht, das heißt, sie schauten nach dieser Belohnungserfahrung genauso lang wie vorher schon auf die Mäuse.

Babys im Alter von vier Monaten nutzen die Kopfrichtung anderer Personen, um ihre Aufmerksamkeit auf Dinge in der Umwelt zu lenken, die auch für andere Personen wichtig sind. Die Babys in unserer Studie zeigten also das Blickfolgeverhalten schon.

Eine offene Forschungsfrage bleibt, ob sie in noch jüngerem Alter (also zum Beispiel schon mit zwei bis drei Monaten) über Belohnung lernen können, dem Blick anderer Menschen zu folgen, um sich in ihrer Umwelt besser zurecht zu finden.

Dr. Christine Michel, Post-Doc, AG Haun

Madlen Bartholmeß
Telefon +49 (0) 341 97 31 870