Forschen

Wissenswertes zu Forschungsinhalten
und -ressourcen am LFE

Vermittlung von Rationalität

Das menschliche Denken ist von Natur aus insofern normativ, als dass es sich an den Normen der theoretischen und praktischen Rationalität orientiert. Dies ermöglicht es uns, über uns selbst nachzudenken und Entscheidungen auf der Grundlage von Gründen (im Gegensatz zu reinen Instinkten) zu treffen. Wie kommen Kinder in diesen „Raum der Gründe“? Ziel dieses Projekts ist es, auf ein besseres Verständnis dieser Entwicklung hinzuarbeiten, insbesondere der Auswirkungen der Interaktion zwischen Erwachsenen und Kindern auf die Entwicklung von rational reagierendem, autonomem Denken.

Aus der empirischen Forschung ist bekannt, dass Kinder von Geburt an mit einer Vielzahl von beeindruckenden Fähigkeiten ausgestattet sind und die Rolle der Kinder in ihrer Bildung nicht als passiv angesehen werden sollte. Trotzdem ist aber viel aktive Unterstützung und Beratung seitens ihrer Betreuungspersonen erforderlich, damit Kinder die Praktiken des Denkens zu beherrschen lernen. Insbesondere die Wechselwirkungen zwischen Säuglingen und ihren Bezugspersonen sind durch eine Reihe von „Scaffholding“-Prozessen seitens der Erwachsenen gekennzeichnet. Es gibt jedoch noch relativ wenig Wissen darüber, wie genau die Interaktionen zwischen Kindern und Betreuern strukturiert sein sollten, damit Kinder den „Raum der Gründe“ erfolgreich betreten und navigieren können, d.h. zu kompetenten SpielerInnen im Spiel des Nehmens und Gebens von Gründen werden. In Zusammenarbeit mit ForscherInnen des Fachbereichs Sozial- und Erziehungswissenschaften der Fachhochschule Potsdam gehen wir dieser Frage nach und analysieren die Entwicklungsschritte, die zu einem autonomen, vernunftgeleiteten Denken führen, mit dem Schwerpunkt darauf, wie dieser Prozess in verschiedene Arten der sozialen Interaktion eingebettet und von diesen geprägt ist. Insbesondere konzentriert sich unsere Analyse auf eine bestimmte Art von Interaktionsform, nämlich die Praxis des „Sustained Shared Thinking“, um zu zeigen, inwiefern dieses Format exemplarisch ist und es Kindern ermöglicht, zu lernen, auf eine Weise zu kommunizieren, die für ein vernünftiges Denken wesentlich ist. Die Ergebnisse dieses Projekts werden auch Auswirkungen auf die Erziehungswissenschaft haben.

Prof. Dr. Kristina Musholt
Forschungsgruppenleiterin
Hildebrandt, F. & Musholt, K. (2018). Wie kommen Kinder in den Raum der Gründe?, in: Hebenstreit-Müller, S. & Hildebrandt, F. (Hg.), Nachdenken mit Kindern. Theorie und Praxis. Dohrmann Verlag, Berlin, 19-30.